Es gibt praktischere Kameras, leichtere, kleinere, komfortablere, bequemere. Aber es gibt kaum Kameras, die so unglaublich gut verarbeitet sind. Wer Mut hat, nehme eine Leica in die Hand und versuche nachzuspüren, was es damit auf sich hat. Es gibt dann nur zwei denkbare Reaktionen: entweder man legt das Teil zurück und wundert sich, wofür manche Leute so viel Kohle hinlegen, oder man verliebt sich auf der Stelle und will auch eine.
Dieser Bericht ist nicht speziell über die M6TTL, sondern allgemein über M-Kameras von Leica. Ich hoffe, Ihr seht mir das nach. Es wird hier keine technischen Daten geben, sondern eine sehr subjektive "Liebesgeschichte"

. Wer sich speziell über die M6TTL informieren möchte, wird hier vermutlich enttäuscht werden.
Wer sich wirklich für Fotografie interessiert, bemerkt irgendwann, dass sehr viele der wichtigsten und / oder besten Fotos der Geschichte mit einer Leica gemacht wurden. Man kann sich vorstellen, dass es für die Fotografie ein Meilenstein war, als Oscar Barnack bei der Firma Leitz in Wetzlar ein kleines, handliches Gerät vorstellte, mit dem man plötzlich ganz andere Möglichkeiten hatte als zuvor. Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein war Fotografie etwas für kräftige Muskelmänner, die entweder selbst viel tragen oder sich genügend Personal leisten konnten, um eine typische Ausrüstung (Plattenkamera usw.) durch die Gegend zu schleppen. Und plötzlich war die Leitz Camera (kurz Leica) da. Barnack hatte den 35-mm-Kinofilm genommen und ein kleines Gehäuse drumherum gebaut. Und so war es plötzlich möglich, eine Kamera in eine Jackentasche zu stecken und überall hin mitzunehmen.
Die erste Leica (die vor wenigen Jahren als "Null-Serie" neu aufgelegt wurde) bot genau das, was man zum Fotografieren brauchte: eine Blende, die die einfallende Lichtmenge dosieren konnte und eine Art Sucher, durch den man grob sein Motiv anvisieren konnte. Einen Verschluss im heute üblichen Sinne gab's nicht. Zu Beginn der Belichtung nahm man den Objektivdeckel ab und setzte ihn nach einer angemessenen Zeit wieder auf.
Im Laufe der Zeit kamen nützliche Ausstattungsmerkmale hinzu, auf die Leica heute seinen Ruhm gründet. Der Gummituch-Schlitzverschluss ist extrem zuverlässig und sehr leise. So leise, dass die Leica die einzige Kamera ist, die in US-Gerichtssälen zugelassen ist. Dafür ist er nicht der schnellste: die kürzeste Verschlusszeit beträgt 1/1000 Sekunde, die Blitzsynchronisation liegt bei 1/50 Sekunde.
Und es gab bald einen gekuppelten Entfernungsmesser. Der ist ein wahres Wunderwerk an Präzision. In den Sucher werden zwei Bilder eingespiegelt. Einerseits sieht man direkt auf das Motiv, das zweite Bild kommt, umgelenkt durch ein System aus Prismen und Spiegel, aus einem zweiten Fensterchen an der Gehäusefront. Man dreht so am Entfernungsring des Objektivs, dass die beiden Bilder sich exakt überlappen. Das Sucherbild ist dabei unabhängig vom eingesetzten Objektiv stets das selbe. Es wird aber ein Leuchtrahmen eingespiegelt, der den Bildausschnitt anzeigt, der auf den Film gelangen wird.
Dieses Sucherprinzip hat so seine Vor- und Nachteile. Zuerst zu den wenigen Nachteilen: weil man nicht - wie bei einer Spiegelreflexkamera - durch das Objektiv sieht, stimmt das Sucherbild nicht ganz exakt mit dem tatsächlichen Bildausschnitt überein. Das spielt in der Praxis keine Rolle, zumal eine raffinierte Mechanik diese so genannte Sucherparallaxe auszugleichen versucht. Bei abgenommenem Objektiv sieht man oben unter dem Objektivbajonettring eine kleine Rolle. Wenn man diese (ganz vorsichtig) mal bewegt, während man durch den Sucher blickt, sieht man, wie sich der Leuchtrahmen bewegt. Ich schweife ab. Der zweite Nachteil ist der, dass dieses Prinzip nicht für Teleobjektive mit längeren Brennweiten taugt. Der Ausschnitt des Suchers, der auf's Bild kommt, wird dabei einfach zu klein. Für sehr kurze Brennweiten (je nach Suchervariante spätestens unterhalb von 28 mm) benötigt man einen zusätzlichen Aufstecksucher.
Ein Vorteil dieses Suchers ist, dass es keine Dunkelphasen gibt. Auch während der Aufnahme lässt sich das Motiv weiter betrachten. Es ist nach einiger Eingewöhnung sehr vorteilhaft, dass man bei den meisten Brennweiten mehr im Sucher sieht, also die Umgebung seines Bildausschnitts mit beurteilen kann. Man erkennt z.B. Personen, die in Kürze in den Bildausschnitt laufen werden und kann sehr exakt entweder schnell auslösen, bevor sie auf's Bild kommen oder im Gegenteil warten, bis sie zur Bildwirkug beitragen. Kürzere Brennweiten lassen sich besonders exakt scharfstellen. Überhaupt ist der Sucher wunderbar hell und klar. Für Brillenträger ist der Standardsucher jedoch nicht optimal überschaubar. Da helfen entweder Korrekturlinsen oder (bei den moderneren Exemplaren ab M6 TTL) der Griff zu einer Variante mit kleinerer Suchervergrößerung.
In diesen moderneren Modellen seit etwa 1998 kann man zwischen den Suchervergrößerungen 0,58fach, 0,72fach oder 0,85fach wählen. Kleine Vergrößerungen sind besonders geeignet für Weitwinkelobjektive (bis 28 mm sind dann ohne zusätzlichen Sucher möglich) und Brillenträger. die 0,85er Variante ist hingegen besonders für längere Brennweiten geeignet. Die älteren Modelle besitzen durchweg einen 0,72fach-Sucher (bis auf die M3, die einen 0,85fachen hatte).
Es wird jeweils der zum angesetzten Objektiv passende Leuchtrahmen eingespiegelt. Vorn am Gehäuse ist ein Hebel, mit dem man andere Leuchtrahmen einspiegeln kann, um vor dem Objektivwechsel entscheiden zu können, wie die Bildwirkung wohl sein werde.
Wer erstmals eine M-Leica zur Hand nimmt, wird als erstes feststellen, wie solide und schwer sich die Kamera anfühlt. Sie ist fast komplett aus Messing. Das Betätigen des Aufzugshebels ist allein schon ein Erlebnis, so seidenweich und präzise läuft dieser Vorgang. Alle Bedienelemente vermitteln dieses Gefühl von Solidität. Die erste M-Leica (M3) kam 1954 auf den Markt, und selbst ein Modell aus dieser Zeit funktioniert - ein Mindestmaß an Pflege vorausgesetzt - auch heute noch bestens. Und wenn sie es nicht mehr tut, bietet Leica bis heute die Möglichkeit, diese alten Schätzchen im Werk reparieren und justieren zu lassen.
Generationen von Leicaisten haben bestimmt anfangs den Kopf geschüttelt über die komplizierte Art und Weise, wie ein Film einzulegen ist. Dazu ist die Bodenkappe abzunehmen und der Film von unten recht fummelig einzuführen. Lohn der Mühe ist eine besonders exakte Filmlage, was der Schärfe und dem präzisen Weitertransport zu Gute kommt.
Fotografieren mit der M-Leica ist Handarbeit. Man muss alle wichtigen Bildparameter schon selbst einstellen. Nur sind das ja nicht so viele, dass das nicht zu bewältigen wäre: Schärfe, Zeit, Blende - das ist es schon. Ein Werkzeug, das vom Fotografen verlangt, sich bewusst für solche Einstellungen zu entscheiden, ermöglicht ihm aber auch, seine Kreativität voll dem Motiv zu widmen.
Henri Cartier-Bresson, einer meiner Lieblingsfotografen, hat seine Leicas als sein verlängertes Auge bezeichnet. Vielleicht gibt das gut wieder, dass eine Leica nicht einfach eine gewöhnliche Kamera ist. Wer sich heute eine neue M7 oder MP kaufen will und dazu vielleicht noch zwei, drei Objektive, ist schnell so viel Geld los, das auch für ein Auto gereicht hätte. Eine M7 oder MP kostet 3000 Euro, Objektive gibt es für ab 700 bis rund 2700 Euro. Eine typische Ausrüstung mit einer MP, einem 35- und einem 90-mm-Objektiv in lichtstarken Versionen liegt dann bei rund 8000 Euro.
Wer wie ich so viel Geld nicht dafür ausgeben kann, sich aber verliebt hat, kann sich getrost auf dem Gebrauchtmarkt umsehen. Meine M2 von 1962 mit einem 2,8/50mm- und einem 2,8/90mm-Objektiv hat mich insgesamt 950 Euro gekostet. Das ist noch immer nicht wenig (zumal man dann mindestens noch einen Belichtungsmesser braucht), bietet aber das unvergleichliche Gefühl, eine echte Leica in der Hand zu haben. Keine der ausprobierten Kopien von Voigtländer, FED, Leidolf (Lordomat) oder Minolta konnte dieser Kamera auch nur annähernd das Wasser reichen. Und belohnt werde ich durch wirklich ausgezeichnete Fotos, die genau das umsetzen, was ich mir gewünscht habe. Jetzt bin endgültig ich es, der das Foto macht, nicht meine Kamera.